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Konzerte und Ferien

In den letzten drei Wochen ist schon wieder so viel passiert, dass ich so viel schreiben müsste… Ich versuche mich also aufs Wesentliche zu beschränken.
Beide Konzerte sind total super gelaufen, haben richtig viel Spass gemacht und waren gut besucht. Erst hatten wir ein Lehrerkonzert, bei dem wir folgendes gespielt haben: Mozarttrio, Stücke im Volkston von Schumann, Bachfuge, Chopin-Nocturne, die beiden anderen haben dann noch Beethovensonate und Koday gespielt und am Schluss haben wir für das Publikum noch einen Pasillo ausgepackt (Pasillo ist typisch ecuadorianisch). Wir hatten eine Stunde Konzertprogramm; am Ende wurde es  sehr unruhig, was auch damit zusammenhing, dass heiße Schokolade ausgeschenkt und Kekse verteilt wurden. Das Ganze hat unglaublich viel Spaß gemacht, selbst einmal wieder vorzuspielen und Leute, die diese Art von Musik gar nicht kennen, zum ersten Mal damit zu konfrontieren. Welche Stücke ihnen gefallen haben und welche gar nicht? Ich weiß es nicht!
Eine Woche später folgte dann das Schülerkonzert, wo ca. 25 SchülerInnen gespielt haben. Auch dieses Konzert hat sehr gut geklappt, meine FlötenschülerInnen z.B. haben sogar richtig gut im Duett gespielt, obwohl sie eigentlich allein spielen sollten, weil Zusammenspiel hier generell noch schwierig ist. Und meine KlavierschülerInnen sind einfach nur richtig toll! Ich habe es total genossen, auch wenn wir ständig mit Umbau, dem Aufrufen von Schülern und Ansagen beschäftigt waren. Wir sind ziemlich stolz auf unsere SchülerInnen und auf uns, dass wir nach zweieinhalb Monaten ein anderthalbstündiges Programm auf die Beine stellen konnten und dass unsere SchülerInnen Lieder wie Titanic und Freude schöner Götterfunken zum Besten gegeben haben. Zudem hat es mich sehr gefreut, dass etliche Eltern zugehört und ganze Familien mit Geschwistern und Großeltern gekommen sind. Es entstand eine richtige Konzertatmosphäre und unsere Schüler waren sogar echt aufgeregt und herausgeputzt. Wir haben so zum ersten Mal gemerkt, dass der Musik eine Bedeutung beigemessen wird.
Am Sonntag nach dem Schülerkonzert haben wir dann noch ganz fleißig Apfelkuchen, Nudel- und Kartoffelsalat vorbereitet für das gemeinsame Essen (Comida Cultural) am selbigen Tag. Jede/r sollte ein Gericht mitbringen und dann sollte im gemütlichen Kreise unser Konzert zelebriert werden. Das Buffet war sehr reichhaltig, aber die Vorstellung von einem „gemütlichen“ Beisammensein wurde leider enttäuscht: Jede/r schaufelte sich möglichst viel auf seinen/ihren Teller, schlang das Essen hinunter und verabschiedete sich anschließend. Beim Essen geht es eher noch ums Sattwerden, um danach auf den Feldern ordentlich zupacken zu können. Wir waren zwar schon oft zu Mahlzeiten bei anderen Leuten eingeladen und haben so von der Esskultur viel mitbekommen, aber doch ließ uns diese Erfahrung verblüfft zurück. Mir war nicht klar, wie natürlich und wie wichtig mir Geselligkeit und Genuss beim Essen erscheinen.
Jetzt sind Ferien und Luisa und Jerome sind in die Sierra gereist, während ich hierbleibe, um fürs Erste die letzten Wochen in Zhagal mit den Leuten zu verbringen. Am 12. November gehe ich nämlich bis Anfang Februar nach Guayaquil, zu der Gastfamilie, wo ich die ersten Tage  in Ecuador verbracht habe. Einerseits, um das Leben der EcuadorianerInnen noch näher zu erleben und den ganzen Tag Spanisch zu sprechen, andererseits, um noch einmal in ein anderes Projekt zu schnuppern. Ich werde dort  in der Musikschule „Clave de Sur“ unterrichten, denn für Klavierunterricht haben sie großen Andrang, aber zu wenig LehrerInnen. Außerdem kommt im November eine andere Freiwillige nach Zhagal, sodass sie problemlos meinen Unterricht übernehmen kann… Ich hoffe, das wird jetzt nicht falsch verstanden; mir gefällt es hier in Zhagal sehr, sehr gut, besonders der Unterricht macht mir großen Spaß. Aber ich wollte von Anfang an in einer Gastfamilie leben und freue mich jetzt auf die Möglichkeit, neben dem Dorfleben in Ecuador auch das Stadt-und Familienleben näher kennenzulernen.
Meine Ferien hier in Zhagal sind sehr aufregend; vorgestern war ich bei Señora Lupita zum Essen eingeladen und danach haben wir noch zusammen Pasillos geübt, bzw. ich habe sie auf der Gitarre geübt und sie hat sie mir gezeigt. Spontan habe ich dann auch bei ihr übernachtet, weil ich am nächsten Tag mit der Familie in die Nähe von Guayaquil gefahren bin, um zu sehen, wie der Kakao verkauft wird. Also ging es mit einem vollbeladenen Wagen los zu einem Betrieb, wo der Kakao getrocknet wird, bevor er (vor allem) nach Hamburg exportiert wird. Nach dem Ernten des Kakaos muss der Kakao ca. eine Woche trocknen und kann erst danach  in alle Welt verschickt werden. Beim Auf- und Abladen des Kakaos von Lupitas Mann Hector habe ich mich wieder einmal darüber gewundert, wie der kleine hagere Mann so schwere Säcke Kakao auf seinen Schultern tragen kann.  Der Ausflug war sehr interessant, ich habe erfahren, dass der Preis für Kakao ca. bei 48 Dollar pro Sack liegt und je nach Feuchtigkeit variiert. Heller Kakao ist noch feuchter und wird schlechter bezahlt. Der Preis für 100 Orangen liegt bei 6 Dollar und eine Kiste Bananen wird für 4 Dollar verkauft. Neben Kakao, Orangen und Bananen wird hier in der Region noch viel Zuckerrohr und Tabak angebaut.
Danach hatte ich schon wieder eine Einladung zum Essen und habe danach noch einige meiner jugendlichen Schülerinnen unterrichtet. Oh je, das war eine Katastrophe: die kleine Schwester Dani, die bei mir Flötenstunden nimmt, wollte auch unbedingt mit in die Musikschule kommen, aber durfte natürlich nicht, weil sie erst 9 Jahre alt ist. Nur leider musste sie dann allein zuhause bleiben, weil ihre Mutter momentan in Cuenca ist und sie hat ganz bitterlich geweint. Da habe ich mich erst einmal ganz lange mit ihr unterhalten und versucht sie zu trösten. Was sie mir erzählt hat, war aber gar nicht schön für ein neunjähriges, sonst sehr fröhliches Mädchen wie sie. Ihre Eltern sind getrennt und sie kennt ihren Papa deshalb gar nicht, weil ihre Mutter das nicht will. Und nächstes Jahr soll sie mit ihrer Tante leben in einem anderen Dorf, aber sie will gar nicht und weiß auch gar nicht wieso. Und sie hätte so gern ein Haustier, aber es gibt kein Geld, und sie meinte, dass es nie für irgendetwas Geld gäbe, noch nicht mal für eine Geburtstagstorte, und dass sie gar nicht wisse, wann sie Geburtstag hat, weil das noch nie gefeiert wurde, und dass sie gerne eine glückliche Familie hätte, und dass sich ihre Großeltern auch immer streiten und dass ihre Schwestern sie schlagen und dass es ständig Streit gibt und sie so sein möchte wie ich! Oh, ich war so wütend in dem Moment, wie ungerecht das ist und dass die Kinder tatsächlich geschlagen werden (auch ein anderer Schüler wurde neulich geschlagen und war danach total aggressiv im Musikunterricht). Eigentlich war ich von MoG darauf vorbereitet worden, dass man in Ecuador damit konfrontiert wird. Schlagen wird hier in den meisten Häusern als Erziehungsmethode angewandt. Erziehung hier erscheint mir sowieso sehr anders:  Die Eltern nehmen ihre Kinder überall (auch zur Arbeit) mit, sprechen mit ihnen, aber eine aus meiner deutschen Perspektive „kindgerechte“ Beschäftigung mit Spielen oder Vorlesen gibt es nicht. Ich würde gern noch ein bisschen zum Thema Kindererziehung schreiben, muss aber jetzt zur nächsten Familie zum nächsten Essen… Bis bald!

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