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Fazit nach drei Monaten Sonido Shagal

2009-08-22_mog_ecuador_-_annika_-_10072Hier kommt nun endlich der erste richtige Blogeintrag aus Shagal. Es sind mittlerweile schon drei Monate vergangen, seit wir drei Freiwillige in dem Dorf angekommen sind, dessen Namen wir zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht kannten. Ebenso wenig wie den Namen des Dorfes wussten wir über alles andere Bescheid: Wo werden wir wohnen? Wo unterrichten? Wird es überhaupt SchülerInnen geben?

Als wir schließlich das Ortseingangsschild Luz y Guía bzw. Shagal gesehen haben, waren wir da – in einem kleinen Dorf mitten im Grün, umgeben von Bananen- und Orangenbäumen. In den ersten Tagen kamen wir im Haus von Señora Lupita unter, auf deren Nachfrage das Projekt initiiert wurde. Bei ihr wurden wir aufs Köstlichste versorgt, doch schon bald wurde deutlich, dass wir bei ihr – so wie bei vielen anderen Familien im Dorf – nicht dauerhaft wohnen können, da die ganze Familie auf den Fincas (Feldern) arbeitet und die Tagesabläufe von ihnen und uns Freiwilligen zu verschieden sind. Glücklicherweise stellte uns Cristhian, ein ehrgeiziger Gitarrenschüler und fleißiger Kirchgänger, seine Haushälfte zur Verfügung. Obwohl wir nicht zusammen mit seiner Familie in seinem Haus wohnen, fühlen wir uns nach etlichen Ausflügen, Einladungen und Ratschlägen als Teil seiner Familie.

Auch unsere anderen Nachbarn waren stets darum bemüht, unsere Anfangsschwierigkeiten beim Meistern des Alltags im ecuadorianischen Campo zu beseitigen. Wir stellten uns zu Anfang simple, praktische Fragen wie z.B.: Wie kocht man Reis? Was kann man mit Verdes (Kochbananen) machen? Wo kaufen wir unsere Lebensmittel, wenn die Tiendas (Geschäfte) nur gelegentlich Tomaten haben und wir nicht gerade einen Sack Orangen geschenkt bekommen haben? Auf all diese recht merkwürdigen Fragen unsererseits wurde mit Vergnügen geantwortet. Ebenfalls hat man uns bei Krankheiten und diversen Plagen mit ecuadorianischen Hausmittelchen versorgt und sich sehr um unser Wohlergehen gesorgt. Man probiere Oregano-Tee bei Magenerkrankungen und bei einer Flohplage können wir nun das Fluten des Fußbodens mit Benzin empfehlen.

Mittlerweile erweitert sich der Kreis unserer GönnerInnen und WohltäterInnen um einige Personen. So freuen wir uns immer sehr darüber, wenn für uns extra ein Huhn geschlachtet wird, wir nach Cuenca eingeladen werden oder einfach auf der Straße ein Dutzend Bananen in die Hand gedrückt bekommen.

Das Dorfleben besteht vorwiegend aus dem Arbeiten auf den Kakaofeldern von montags bis samstags und der Misa (Messe) am Wochenende. Außerdem wird ab Samstag Mittag eine Musikanlage auf der Cancha (Dorfplatz) aufgebaut, die das ganze Dorf mit Cumbia beschallt und abends wird sich zum Fußballspielen getroffen. Nicht zu vergessen sind spontane Gespräche auf der Straße oder in den Tiendas. Wenn man das Bezahlen vergisst, weil die Verkäuferin sich lieber mit mir unterhält, als mir den Preis zu nennen, weiß man, man ist in Shagal.

Das ganze Dorf strahlt zudem eine große Gelassenheit aus. Am Wochenende sitzen die Leute stundenlang in ihren Hängematten und lauschen einfach den Hähnen, ohne irgendetwas zu tun. Was man nicht heute schafft, macht man eben morgen. Es ist egal, ob es regnet oder nicht, irgendwann scheint die Sonne schon wieder (anfänglich hatten wir mit der fehlenden Wetterprognose unsere Probleme, weil wir nicht wussten, wann wir waschen sollen, damit die Wäsche trocknet…).

Diese Gelassenheit ist jedoch keineswegs zu verwechseln mit Langeweile. Wir sind ständig beschäftigt, den Einladungen zu folgen, mit den SchülerInnen und Schülern zu den Aguas Calientes (heißen Quellen) zu gehen, uns in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, indem wir zum theraupeutsichen Tanzen gehen, und und und.

Einen Großteil unserer Zeit nimmt natürlich das Unterrichten ein. Wir fangen jeden Tag um 15 Uhr mit ca. 20 Kindern in der Klassenstunde an, in der wir singen, spielen, Rhythmusübungen machen und ein wenig Musiktheorie beibringen. Danach schließt sich dann der Instrumentalunterricht an (Klavier, Gitarre, Geige, Flöte, Cello). Abends kommen die Erwachsenen, mit denen wir, abgesehen vom Instrumentalunterricht, ebenfalls eine Klassenstunde machen und des weiteren Chor und eine Percussiongruppe anbieten. Anfänglich hatten wir viel zu viele SchülerInnen, die alles auf einmal lernen wollten. Mittlerweile konnten wir sie aber überzeugen, nur zwei oder drei Instrumente zu spielen und jeder Freiwillige hat ungefähr 15 feste SchülerInnen, wobei immer noch neue SchülerInnen hinzukommen und die genaue Anzahl an SchülerInnen noch nicht eindeutig ist.

Die Klassenstunden sind mit Abstand der anstrengendste Teil des Tages, weil für diese viel Vorbereitungszeit notwendig ist. Da die SchülerInnen mit englischen Texten arg zu kämpfen haben, dichten wir alle möglichen Lieder auf Spanisch um und sind auch ständig gezwungen, uns für die Klassenstunde neue Dinge einfallen zu lassen. Die Kleingruppen- bzw. Einzelunterrichte bereiten viel Vergnügen, weil alle total motiviert sind. Ständig ändern wir unsere Unterrichtsansätze und überlegen uns etwas Neues. Cool ist auch, dass die SchülerInnen sogar oft eine Vorstellung davon haben, was sie lernen möchten. Einige möchten gern Pasillos spielen lernen, andere möchten Kirchenlieder oder Balladen erlernen.

In den vergangenen Wochen haben wir die ersten Konzerte veranstaltet, die gut besucht waren. Das erste Konzert war das Lehrerkonzert, wo wir Freiwillige klassische Musik präsentiert haben, um den MusikschülerInnen einen Eindruck von „unserer“ Musik zu geben. Die Leute haben angeregt zugehört, aber in der zweiten Hälfte des Konzerts wurde es dann doch etwas unruhig, als heißer Kakao und Kekse verteilt wurden. Am Ende haben uns alle für das tolle Konzert gedankt, fanden aber den Pasillo, den wir als Zugabe gespielt haben, dann doch am besten. Eine Woche später fand das Schülerkonzert statt, bei dem ca. 30 SchülerInnen aufgetreten sind und Lieder wie z.B. „Titanic“ oder „Freude schöner Götterfunken“ gespielt haben. Der Renner war jedoch „Después de tí“, Latinorock, das in drei Variationen aufgeführt wurde. Für uns Freiwillige war dieses Konzert sehr besonders, weil wir die Fortschritte unserer SchülerInnen sehen konnten und uns das sehr stolz gemacht hat, was wir in drei Monaten Arbeit erreicht haben.

Um unseren Erfolg zu feiern, veranstalteten wir mit den SchülerInnen ein „Comida Cultural“, ein Buffet, zu dem jeder etwas beisteuern sollte. Unsere Idee war, dass wir ein gemütliches Beisammensein veranstalten, um auch die Eltern der SchülerInnen näher kennenzulernen. Die Gemütlichkeit stellte sich aber als Utopie heraus, da das Essen innerhalb kürzester Zeit verschlungen wurde und danach alle wieder nach Hause gingen. Reden oder langsames Essen scheint hier geradezu verboten zu sein. Den Leuten hier ist das Essen zwar sehr wichtig, jedoch nicht die Art und Weise, wie man isst. Hier fehlt das Zelebrieren des Essens; die Hauptsache ist, dass man danach satt ist.

Nun in den Ferien, in denen wir unsere Kräfte sammeln und neue Ideen entwickeln, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Wir sind sehr stolz auf unsere SchülerInnen und glücklich, dass alles so gut funktioniert (auch wenn immer alles anders läuft, als man denkt!), und dass wir uns in Shagal/Luz y Guía zuhause fühlen und angekommen sind, trotz diesen kleinen Biestern namens Mosquitos…

Franziska

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