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Ein typischer Tag in Luz y guía

Schon ab 4 Uhr morgens kraehen die Haehne im Wettstreit und der CD-Laden von nebenan versucht diese 2 Stunden spaeter in ihrer Lautstaerke noch zu uebertreffen. Zum Glueck nehm ich das nur passiv wahr, denn meinen tiefen Schlaf (ich bin in einer Familie mit vier Kindern aufgewachsen) laesst sich davon nicht stoeren.

Um ca. 8.30 Uhr quaele ich mich endlich aus dem Bett und ernte schraege Blicke von meiner Gastfamilie. Ein klein wenig schaeme ich mich fuer meine Faulheit. Denn hier in „Luz y Guia“ schlaeft keiner laenger als 6 und einige treibt es schon um 4 aus dem Bett – die Arbeit auf der Finka ruft! Das trifft sogar auf einige Jungs ab 13 zu, die vor Schulbeginn ihre Vaeter bei der Kakao- oder Maracuyáernte unterstuetzen.
Ich dusche mich, haue mir mein Laeuseshampoo in die Haare und creme mir meine Fusszehzwischenraeume mit Anti-Pilzcreme ein. Wie meine Gastfamilie habe ich gelernt mit diesen unvermeidlichen Fakten umzugehen. Nach 3 Monaten stoert mich das kaum noch und ich habe die Laeuse schon laengst als meine kleinen Weggefaehrten akzeptiert.

Ich schluepfe in meine Flip-Flops und laufe durch die feuchte und warme aber doch nicht unangenehme Luft Richtung Musikschule. Meinen Weg kreuzen Enten, Huehner, neugierige Katzen und Hunde mit ihrem Nachwuchs. Ausserdem treffe ich auf einige Dorfbewohner, die mich aus ihren Hauseingaengen allesamt mit einem herzlichen „Buenas Dias Josa! Como estas??“ begruessen. Manchmal habe ich das Gefuehl, dass das ganze Dorf meinen Namen kennt, auch Menschen, an deren Namen oder Gesicht ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann.

Luz y Guia (Zhagal?) ist ein Dorf, ueber dessen Name, Groesse und Provinzzugehoerigkeit man sich uneinig ist. Es liegt gerade noch so in der sogenannten „Costa“ Ecuadors und hat irgendwie so zwischen 500 und 2000 Einwohner. Das Dorf lebt von der Landwirtschaft, wobei der Kakaoanbau den Hauptbestand ausmacht. Allerdings – Maracuyá ist stark im Kommen… Abgesehen davon gibt es hier natuerlich noch Papaya, Ananas, Kokosnuss, Orangen, Mandarinen, Koch- und normale Bananen, Zuckerrohr, Zitronengras, Yuca, viele Limetten- und Zitronenarten und unzaehlbare Fruechte, deren Namen man als deutscher Gringo noch nie gehoert hat – satt sehen und essen kann man sich eigentlich nie.

In der Casa Comunal, unserem Unterrichtsort, treffe ich mich mit den anderen drei deutschen, die hier mit mir die Musikschule schmeissen. Wir sind unsere eigenen Chefs, was manchmal angenehm, manchmal schwierig sein kann. Unter der Woche unterrichten wir nachmittags und abends alle Leute, die Bock haben, was zu lernen. Bei uns gibt’s weder Stundenplan noch einschreiben – wer will kommt vorbei, natuerlich alles kostenlos.
Wir setzen uns kurz zusammen und planen das auf naechste Woche angesetzte Schuelerkonzert. Danach setzt sich jeder in seine Ecke und bereitet so bis 13 Uhr jeweils seinen Unterricht vor (Lieder raushoeren, Noten aufschreiben, Akkorde klimpern usw.)
Zum Glueck ist das Mittagessen heute schon geritzt. Wir sind, wie so oft, bei den Nachbarn Señora Maria und Don Raul eingeladen. Als Vorpeise gibt es „Sopa de Pata“ (Huehnerfusssuppe) und als Hauptgericht Cangrejo (Krebs). Maria versucht uns zwar davon zu ueberzeugen, dass Huehnerfuesse zu den leckereren Teilen des Huehnchens gehoeren, doch das Rumkauen an diesem Etwas aus Haut und Knochen ist fuer mich noch etwas gewoehnungsbeduerftig. Trotzdem ganz lecker. Der Hauptgang dagegen entschaedigt einen fuer alles… Cangrejo ist hier zu einem meiner Lieblinggerichte geworden, das zarte Fleisch des Krebses zergeht einem geradezu auf der Zunge. Doch zuvor gilt es, an den weichen Kern des Hartschalentieres zu kommen. Hammer oder Zaehne – geht beides. In Naranjal, der naechstgroessten Stadt, werden die Krebse (natuerlich lebend) in Zwoelferpacks fuer 15$ das Paket verscherbelt.

Nach dem Essen haben wir noch ein bisschen Zeit fuer uns, doch schneller als man denkt ist es schon 3 Uhr geworden, wir muessen in die Musikschule. Nachmittags (Unterricht fuer v.a. Kinder) ist die Nachfrage unberechenbar. Manchmal wird uns die Bude gestuermt, machmal wiederum hat man viel Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzten. Heute ist es mittelmaessig. Es kommen wenige, aber dafuer motivierte Kinder, die wir bis 17 Uhr beschaeftigen koennen; z.T auch mit zugegebenermassen eher unmusikalischen aber dafuer sehr lustigen Spielen.

Zu Abend esse ich wie immer bei meiner Gastfamilie. Ich wohne hier ganz umsonst (!) bei Jacinto und Judith Quichimbo und ihren Kindern. Ihn allerdings nennt keiner beim Namen, sondern nur „Pastor“. Das ist so, weil der Pastor Pastor des evangelikanischen Teil des Dorfes ist, weshalb das Leben in dieser Familie fuer mich auch manchmal knifflige Situationen bereithaelt. Wir leben direkt neben der Cancha (Fussballfeld) der Schule in einem schoenen, frisch gebauten Haus. Oder naja, sagen wir, einem fast fertig gebauten Haus. Die Betonierung des Wohnzimmerbodens und die Verlagerung der Kueche aus dem alten Holzschuppen ins neue Haus durfte ich miterleben, teilweise konnte ich sogar ein bisschen mithelfen. Mit den Eltern leben ausserdem noch ihre drei (bald vier) Kinder im Haus. Das sind Elias (15), Israel (13), den alle nur Pira nennen und Keyla (11). Mit den Jungs teile ich mir ein Zimmer und mit Elias sogar ein Bett. Wir verstehen uns alle sehr gut und mit den Muchachos geh ich regelmaessig auf die Cancha zum Ecua-Volley oder Fussballspielen. Mama Judith ist klassische Hausfrau und eigentlich immer zu Hause. Heute hat sie (wie immer) wieder richtig lecker gekocht, es gibt das Standardgericht: Reis mit Huehnchen. Ich esse schnell auf (hier hab ich gelernt, wirklich schnell zu essen) und dann um 7 gebe ich Elias Gitarrenunterricht zu Hause; er kriegt die Extrawurst, weil ihn der Pastor aus religioesen Gruenden (oder eigentlich, damit er seine Freundin nicht trifft) nicht in die Musikschule laesst. So gegen halb acht, acht mache ich mich dann wieder auf den sehr kurzen Weg zur Musikschule.

Hier warten schon diverse Jugendliche (alle so um die 15/16) und einige Erwachsene, die bei mir Gitarrenunterricht haben. Ich bin froh, einige sehr konstante Schueler zu haben, bei denen man auch echt Fortschritte sehen kann. Es kommt zuerst dran, wer zuerst da war, aber es macht den Leuten auch nichts aus zu warten, denn die Musikschule wird an manchen Abenden zu einem richtigen Jungendtreff. Nachdem wir alle mit unseren Einzelschuelern fertig sind, machen wir noch ne gute halbe Stunde Bandprobe mit 5 (heute) motivierten Schuelern, bis wir gegen 10 Uhr alle unsere Energiereserven aufgebraucht haben.

Ab in die Kiste!

Joscha

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